Wer hat an der Uhr gedreht?

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20.10.2014 – 25.10.2014, Córdoba Capital; „Jetzt müssen wir doch klingeln“ – Der Haustürschlüssel von vor zwei Jahren passt nicht mehr ins Türschloss, denn die Schlüssel mussten vor wenigen Monaten ausgetauscht werden. Durch ein Fenster beobachten wir, wie Irene argentinisch entspannt zu der Haustür schlendert, als sie die Klingel läuten hört, bis sie sieht, wer vor der Tür steht. Selbst die Hunde fangen an, im Flur freudigen Alarm zu schlagen, Alessandro ist wieder „zuhause“! Euphorisch werden alle begrüßt, in den Arm genommen und ausgiebig ausgefragt. Heute endlich auch von Noelia und Federico, die anderen Gastgeschwister, die letzte Woche leider nicht zum Landhaus kommen konnten. Wie immer, können wir eigentlich schon sagen, setzen wir uns mit einem Mate in die Runde und unterhalten uns ausgiebig. Unsere Reise ist natürlich das Dauerthema schlechthin. Mit tausend Fragen werden wir zu unserem Auto, der Intention und Durchsetzung gelöchert. Auch wenn die gesamte Gastfamilie von Alessandro schon alles wusste, es gibt immer noch neue Fragen. Aber auch wir sind interessiert, was alles in den zwei Jahren passiert ist, in denen wir in Deutschland unser Abitur gemacht haben. Bei der Unterhaltung vergessen wir die Zeit, die Stunden vergehen und irgendwann ist es auch schon Zeit zum Schlafen.
Aber für uns steht natürlich die Reparatur von Lola auch ganz oben auf der Liste. Schon früh am nächsten Morgen drehen wir mit Federico Runden durch die gesamte Großstadt, vom Zentrum bis in die Nachbarortschaften, mit nur einem Ziel: wie brauchen das Ersatzteil. Wenn wir es schon nirgendwo bekommen haben, dann wohl doch bei Mercedes Benz, denken wir genauso wie Federico. Aber falsch gedacht. Argentinien durchlebt zurzeit eine wirtschaftlich und politisch extrem komplizierte Phase, die auch die Einfuhrbestimmungen stark beeinflusst. Eine neue Kupplung für unser Model würde uns mindestens fünf Wochen Zeit kosten, wenn sie überhaupt ins Land gelangen würde, und die haben wir vor allem nach der langen Wartezeit in Santiago auf keinen Fall. Doch wir sind in Argentinien, vielleicht geht etwas nicht so wie man erst möchte, aber irgendeine Lösung findet man dennoch. Federico kennt einen, der einen kennt und der kennt da einen, besser nicht irgendjemanden, sondern, so sagt man, „die Werkstatt“ in Sachen Kupplung in Córdoba. So einfach, wie nun alles scheint, ist es dann aber doch wieder nicht. Für ein perfektes Ergebnis benötigt Diego, der Werkstattmeister, auch noch das Schwungrad und ein paar andere Kleinteile. Diese Teile sind jedoch praktischer Weise noch im Auto, 96 Kilometer von Córdoba entfernt, eingebaut. Dann werden wir uns wohl noch eine kleine Bustour gönnen müssen und zurück zum Mechaniker nach Los Reartes fahren.
Gesagt getan, sitzt Alessandro am nächsten Morgen kurz vor Sieben im Auto mit Arnoldo, der ohnehin in die gleiche Richtung auf Geschäftsreise muss. Mit argentinischer Zeitkalkulation im Hinterkopf, spaßen wir noch darüber, wann Alessandro wohl wieder in Córdoba sein wird, mit Glück gegen Abend, doch praktischer Weise liegen wir diesmal total falsch. Es ist noch nicht einmal zehn Uhr, als Federico Alessandro vom Busterminal wieder abholen kann. Der Rucksack voller Autoteile und die stickige Stadtluft, treiben Alessandro und Federico Schweißperlen auf die Stirn. Währenddessen erledigt Max ein paar wichtige „Tramites“ in der Stadt, extra früh, denn um ein Uhr ist hier Siesta und alles ist zu. Ein paar Läden machen zwar irgendwann nochmal auf, andere bleiben jedoch einfach geschlossen, den Besitzern ist es dann wohl zu warm. Wer also etwas erledigen möchte, dem ist daran gelegen, gegen Vormittag so viel wie möglich zu schaffen. Bei uns klappt heute alles und wir sind fast schon schneller als unser Zeitplan, sodass wir am frühen Nachmittag erschöpft von der Hitze ein kaltes Bier auf dem Hauptplatz genießen können. Im Zentrum treffen wir sogar noch Felix, ein anderer aus unserer Austauschgruppe, den es wie so viele nach dem Abitur, erneut nach Córdoba gezogen hat.
Einen Abend machen wir den obligatorischen Asado mit der Gastfamilie von Max und einen anderen Abend den obligatorischen Asado mit Alessandros Gastfamilie, diesmal mit allen. Nachdem wir auch unsere Stammbars in Nueva Cordoba, dem Ausgehviertel der Provinzhauptstadt, abgeklappert haben, packen wir unsere Rücksäcke zusammen, denn mittlerweile ist auch das Ersatzteil fertig. Schneller als erwartet aber länger als gewollt hat uns die Reparatur eine Woche gekostet, sodass wir jetzt leider nichtmehr mit Lola direkt nach Córdoba fahren werden. Über den günstigen Preis der Reparatur, aber vor allem das exzellente Ergebnis wundern sich eigentlich alle. „Und sowas in Argentinien“, lacht der Mechaniker vor dem Einbau, „wer hätte das gedacht.“.
Wir freuen uns, nicht übers Ohr gehauen worden zu sein und lassen den Mechaniker seine Arbeit machen, gegen Abend sollen wir einfach wieder kommen. Wir genießen den Tag am Pool und warten. Der Nachbar fährt Max und Charlie, die jetzt wieder ein Stückchen mit uns mit reisen wird, zu der Werkstatt, gefühlt eine Ewigkeit später kommen die beiden zu Fuß zurück, ohne Auto. Mit großen Augen starrt Alessandro die beiden fragend an. Das eine Teil passt nicht richtig rein, erzählen sie verzweifelt. Ein gewaltiger Rückschlag nach der ganzen positiven Resonanz macht sich breit. Wir haben uns schon morgen auf dem Weg nach Mendoza gesehen, stattdessen müssen wir wohl zurück nach Cordoba. „Heute nicht mehr, ich hole mir jetzt erstmal ein Bier vom Kiosk!“, seufzt Max und geht gemeinsam mit Charlie die Schotterstraße in der Dunkelheit herunter. Gerade ‘mal fünf bis zehn Minuten später dreht Alessandro durch, rennt durch den Garten zum Tor und bekommt sich nicht mehr ein. Alles war nur ein derber Spaß, perfekt repariert fährt Lola über den Rasen.
Auf nach Mendoza!IMG_0584

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