Pflichtprogramm Santiago – Die Post lässt grüßen

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23. September – 02. Oktober 2014, Santiago de Chile, Als wir wieder in Santiago de Chile ankommen ist es schon ziemlich spät, aber wir haben nur noch heute und morgen gemeinsam mit Charlie und deswegen wollen wir noch eine kleine Runde durch Stadt gehen. Aber unsere Runde ist ziemlich klein nur wenige Meter von Lola entfernt werden wir von einem anderen Passanten, der mit einer Freundin unterwegs ist, auf deutsch angesprochen. Der Chilene hat sechs Jahre lang in der DDR gewohnt und ist direkt nach dem Mauerfall zurück nach Chile gezogen. Camilo ist Musiker und seine Karriere hat in schon zu unterschiedlichsten Orten getrieben, so lebte er auch einige Jahre in den USA in Los Angeles und New York. Jetzt ist er zurück in Santiago, ohne zu zögern lädt er uns in seine Wohnung nur einen halben Block von unserem Auto ein. Er sei gerade mit ein paar Freunden mit der er in seiner Band spielt am ‚jammen‘ und würde sich freuen wenn wir in begleiten. Wir sind direkt begeistert von unserer Begegnung, einmal mehr lernen wir zufällig Einheimische kennen.

In seiner Wohnung werden wir von seinen Freunden in Empfang genommen, danach widmen seine Bandmitglieder sich wieder komplett ihrer Musik. Während wir uns mit Camilo unterhalten und er uns seine Sammlung von seltenen Flohmarktstücken zeigt, die er sich im laufe der Jahre gekauft hat, wird im Hintergrund komponiert, gemixt und aufgenommen. Im laufe des Gesprächs erfahren wir, dass die Band, die nach einer kurzen Trennung wieder zusammen spielt, gerade dabei ist ein neues Album aufzunehmen. Eins der neuen Lieder will Camilo, der von Rap, Funk, Rock und Jazz viele Musikrichtungen mischt, sogar auf deutsch rappen. Doch er sei sich noch nicht ganz sicher ob der Funksong grammatikalisch korrekt ist, so dass er uns kurzerhand um Korrektur bittet, aber wir haben nichts zu berichtigen, sein deutsch ist überaus gut. Eine gesamte Zimmerwand seines Apartments ist mit seiner Plattensammlung geschmückt, stolz zeigt er uns seine historischen Platten, die er im Anschluss kurzerhand zusammen mischt und uns dazu eine freestyle Rapp Einlage bietet. Wir sind begeistert, musikalisch wertvoll und inhaltlich tiefgreifend ist der Text den er zu den alten Platten rappt. In dem spontanen Sprechgesang erzählt er von seiner Zeit in Deutschland, vom Mauerfall, seiner Zeit in den USA, seinem zweijährigen Sohn und kritisiert Teile der chilenischen Gesellschaft, dazu nimmt er immer wieder Bezug auf uns, unsere Reise und das Glück das wir hatten uns so spontan zu treffen. Seine Wohnung könnte typischer nicht sein, er ist ein waschechter Musiker, der Musik nicht nur macht sondern lebt. Im Zigarettenrauch flackert die Lichtorgel aus den Sechzigern, als er und die anderen Bandmitglieder uns weiter Titel des noch unveröffentlichten Albums präsentieren. Camilo erzählt das er sich in der Musik selber gefunden hat, denn vorher wusste er nicht woher er komme. In Deutschland wurde er abwertend als Türke bezeichnet, zurück in Chile nannte man in Spießer. Er findet es immer wieder traurig zu sehen wie die Gesellschaft in Südamerika auseinander klafft und versucht mit seiner Musik die ganze Gesellschaft zu erreichen. Neben seiner selbstgeschriebenen Musik mit seiner Band, gibt er oft auch Soloauftritte, bei denen er, so sagt er, einfach einen USB-Stick mit wahllos aneinander gereihten Titeln abgibt, und einfach aus Herz und Seele anfängt zu freestylen. Auch versucht er sich von der modernen Musik, die durch amerikanischen Gangsterrap, Pop und Elektro dominiert wird, abzuheben indem in seinen Liedern auch immer wieder historische und indigene Lieder und Kompositionen Platz finden. Wie wir uns mit Camilo unterhalten und seiner Musik lauschen vergeht die Zeit wie im Flug und als wir im Fahrstuhl auf den Weg nach unten sind ist es auch schon mitten in der Nacht. Doch es hat sich definitiv gelohnt, mit etwas Glück können wir sogar noch eins seiner Konzerte besuchen.

Weil wir uns gestern etwas die Nacht um die Ohren geschlagen haben beginnt der heutige Tag etwas später. Als wir unsere Tür aufmachen ist schon ein riesiges Getümmel auf den Straßen, wir stehen immerhin Mitten im Zentrum. Direkt nach dem Frühstück kommt auch schon Charly, für die heute der letzte Tag in Santiago ist. Gemeinsam drehen wir noch einmal ein paar Runden durch Santiago.

Für uns ist es der erste richtige Tag in Santiago außerhalb des Ausnahmezustands während der Feiertage. Mit dem gut ausgebauten Metronetz düsen wir in wenigen Minuten aus dem Zentrum in das Stadtviertel Brasil. In dem, mit der Zeit etwas veralteten, Stadtviertel sieht man noch den Glanz und Prunk vergangener Tage. Von dem Hauptlatz schlendern wir durch die Nebenstraßen. In dem Museo de la Memorial y los Derechos Humanos bekommen wir einen bedrückenden Einblick in die Zeit der Militärdiktatur in Chile bekommen. Das modern aufgemachte Museum erinnert an deutsche Museen über den Nationalsozialismus. Nach diesem Ausflug in die vergangenen Tage Chiles tauchen wir zurück in die Jetztzeit. Da das uns empfohlene typische Café nicht geöffnet hat, suchen wir uns eine Restobar in der Nähe in der eine Vielzahl von Chilenen den Nachmittag ausklingen lässt. Auch wir haben Hunger auf eine Kleinigkeit und bestellen uns das, was auch die meisten Einheimischen um uns essen, einen Teller Pommes mit etwas Fleisch und Gemüse. Dazu trinken wir einen Pisco, einer der vielen typisch chilenischen Cocktails die uns angepriesen wurden. Auf dem Rückweg ins Zentrum bringen wir Charly in ihr Hostel, damit sie noch kurz ihre sieben Sachen zusammenpacken kann, bevor wir noch auf einen Terremoto in die Piojera wollen.

Die Piojera, eine Bar, könnte uriger nicht sein, der Überdachte Hof ist vollgedrängt mit angetrunkenen Chilenen, die an klebrigen Tischen ihren Terremoto schlürfen. An der langen Bar bekommen auch wir einen Terremoto, wie alle, in einfachen Plastikbechern und für etwas Trinkgeld sogar noch einen Spritzer mehr Fernet.

Da wir immer noch auf unsere Pakete aus Deutschland warten, unter anderem auf ein neues Nummernschild, haben wir ziemlich viel Zeit. Die Zeit nutzen wir auch um unsere Homepage auf Vordermann zu halten, meist in einer der Shoppingmalls, denn dort haben wir das beste Internet.

Es ist ziemlich beeindruckend wie viele riesige Malls in Santiago sind. Sogar Baumärkte und Supermärkte sind neben den Terrassen mit Lokalen und einer Unzahl an Geschäften in den Kolossen zu finden. Doch ausgerechnet unser benötigtes Kamerazubehör ist leider nicht mehr vorrätig da und so beschränkt sich der Shoppingausflug auf einen Kaffee. Nach dem Abendessen drehen wir noch eine Runde in dem Barrio Bellavista, auch wenn es laut Einheimischen das gefährlichste Viertel mit Nachtleben ist, sei es das authentischste und darüber hinaus günstigste. Für uns also quasi die perfekte Location um uns unter die Menschen zu Mischen. Schon auf dem Weg sind die Straßen proppe voll und überall sitzen Straßenmusiker die mit ihren Gitarren und Mundharmonikas ihr Bestes geben. Eine Straßenbar reiht sich in der Hauptstraße Bellavistas an die andere. Von innen klingt Livemusik oder Karaoke, während sich die Menschenmassen in die naheliegenden Diskotheken drängen. Terremoto hat es uns angetan, auch wenn der Cocktail etwas süß ist, schmeckt er vorzüglich, zudem ist er meist noch das günstigste Angebot. Der Barbesitzer ist ziemlich erfreut über seine deutschen Besucher und kredenzt uns noch ein paar Kleinigkeiten zum Naschen.

Etwas verschlafen zwingen wir uns aus den Schlafsäcken. Die Luft im Inneren des Autos ist erdrückend warm und stickig, irgendein Fenster muss umgehend geöffnet werden. Wir frühstücken ausgiebig das selbstgebackene Brot, was von der Struktur her auch einen super Kuchen hätte sein können. Die nun frische Luft an diesem sonnigen Vormittag, die durch das Auto zieht, ist eine Genugtuung. Gestärkt und motiviert heute viel zu schaffen falten wir die Isolierung von der Windschutzscheibe und bereiten das Auto zum Losfahren vor. Heute sollen ein paar Wehwehchen behandelt werden. Nervig, dass das Zusatznebellicht nicht funktioniert, ärgerlich die Lackplatzer an der Motorhaube und blöd, dass die Hecktür nicht ganz abdichtet. Also wollen wir die Zeit, die wir ohnehin hier in der Stadt verbringen, auch dazu nutzen, Lola auf Vordermann und für die Weiterreisse so fit wir möglich zu machen.

Francisca gibt uns die Adresse einer aus Erfahrung guten Werkstatt zu der wir uns direkt auf den Weg machen. Angekommen erklären wir wer uns schickt und bekommen direkt Hilfe vom Fachmann. Nach ein paar Runden um den Block erkennt auch der Mechaniker unsere Bedenken und schickt uns mit ein paar guten Tipps weiter, da seine Hebebühne unsere schwer beladene Lola nicht heben kann. Wir kommen nach ca. 20 km und 1 Stunde Fahrt durch die ganze Stadt vor einer Halle mit großer Schiebetür an und werden direkt hereingewunken. Rodrigo, der Chef, empfängt uns persönlich und lässt sofort alle Hebel in Bewegung setzen. Die für die eng aneinander gebauten Häuser relativ geräumige Halle ist komplett voll mit teilweise zerlegten Autos. Alles wird umrangiert, damit wir auf eine Hebebühne fahren können. Diese kann den Wagen sogar hochheben und der Chef schaut sich mit prüfenden Blicken um. “Für das Alter echt gut in Schuss, Jungs!” , lobt er und fragt nach unserem Anliegen. Wir fragen verschiedene Sachen, die sich auf den letzten 1000 km seid Argentinien angesammelt haben. Da wäre ein Ruckeln hier, ein Ölfleck dort und ein paar Kleinigkeiten. Sofort schickt Rodrigo die scheinbar 10 Angestellten im Blaumann hin und her, die zufälligerweise auch noch alle einheitlich ein Stück kleiner als der Chef sind. Kaum zwei Stunden später dreht Rodrigo, er selber in Jeans und Hemd, noch eine Runde mit uns um den Block – “Fährt sich super und keine Geräusche mehr”, sagt der Chef. Wir bezahlen einen sehr angemessenen Preis für den erbrachten Service und bekommen noch angeboten, den Wagen, falls wir mal in die Stadt müssen, in einer seiner Hallen unterstellen zu dürfen.
Froh, endlich die Sachen aus dem Weg geschafft zu haben, fahren wir noch einkaufen und dann zu unserem üblichen Übernachtungsplatz. Mit einem kühlen Bier stoßen wir auf einen erfolgreichen Tag an.

Wie wir ja schon gestern einen sehr erfolgreichen Tag hatten beginnen wir den heutigen mit den gleichen Vorsätzen. Die Wärme lässt uns schnell aufstehen, aus Reflex wird erstmal gelüftet. Auch der Frühling fühlt sich für uns immer mehr wie Hochsommer an. Unsere Sachen geordnet machen wir uns auf den Weg in die Stadt.

Ein Muss, wenn man nach Santiago reist, ist der Cerro San Cristobál, von dem man einen einzigartigen Blick über die Millionenmetropole genießen kann. Wenn der Dunst und der Smock über der Stadt, wie heute, bei gutem Wetter etwas verfliegt sind sogar die gewaltigen Berge der Anden deutlich sehen, die die Stadt geradezu einkesseln. Der Berg, den eine riesige Staue der heiligen Maria ziert, ist der Eingang zu einem für eine Großstadt verhältnismäßig großen Nationalpark. Der Parque Metropolitano liegt gefühlt mitten in der Hauptstadt. Der Eingang im Viertel Bellavista ist voller Besucher und Sportler. Auf dem Weg nach oben, den wir um unser gesamtes Geraffel dabei zuhaben mit dem Auto bestreiten, sehen wir viele weitere Sportler. Neben den Autos kämpfen sich Fahrradfahrer und Läufer die Kilometerlange Steigung hoch, für den ein oder anderen scheinbar ein alltägliches Trainingsprogramm, andere scheinen die Idee bereits zu verfluchen. Auch Francisca, wie wir später erfahren, nutzt die grünen Hügel oft zum Trainieren. Unterhalb der Statue liegt bergabwärts eine große Freilichtkirche, allgemein ist der Berg von vielen religiösen Punkten geprägt. Aber auch andere Reize locken die Besucher in den Park.

Es gibt viele unterschiedlich angelegte Gärten und Brunnen, einen Zoo, ein großes Schwimmbad, das Amphitheater Pablo Nerudas, Restaurants und noch einiges mehr. Für jeden scheint etwas dabei zu sein. Für die, die gerne unverschwitzt auf den Berg gelangen wollen, gibt es eine Gondel nach oben oder ein gut ausgebautes Straßennetz. Oben angekommen, genießen wir den Panoramablick auf den Stufen unterhalb der Statue, der Ruheort soweit oberhalb der beschäftigten Großstadt hat einen ganz besonderen Flair. Danach geht es noch durch einige Gärten, bevor wir unsere Rundtour am anderen Ende des Parks beenden. SONY DSC

Mittlerweile haben wir schon einige warme Tage in Santiago, die wir damit verbringen die weitere Route zu planen, unseren Blog auf dem laufenden zu halten und immer mehr von Santiago zu sehen. Auch Familie und Freunde freuen sich mal wieder etwas von uns zu hören. Auf der Dachterrasse eines großen Einkaufszentrums genießen wir bei schönem Wetter und fantastischer Aussicht den Kaffee und halten unsere Leser auf dem aktuellen Stand.

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