Mit bolivianischen ‚Kumpels‘ unterwegs

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19.10.2014 – 21.10.2014, Potosí; Es ist der verblasste Prunk der silbernen Zeiten, der der Minenstadt den unbeschreiblichen Reiz verleiht. Dynamit zum Preis von Polenböllern und Alkohol mit 96% gehören hier zu der Grundausstattung der Minenarbeiter, deren derzeitige Arbeitsverhältnisse sich seit dem Silberrausch von 1545 nicht verbessert haben. Auch wenn das Silbervorkommen des Cerro Rico (zu deutsch: reichem Berg) schon lange nahezu erschöpft ist, bietet die Minenarbeit aber immer noch die mit Abstand besten Einkünfte für die Bevölkerung.

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Die Aussicht vom Kloster auf den mit Häusern gepflasterten Berg von Potosí

Wir erreichen Potosí des Nachts. Nach einem kleinen Anstieg liegt die ehemals reichste Stadt Amerikas im Tal vor uns. Immer wieder werden wir winkend und euphorisch begrüßt, Lola scheint den Einheimischen zu gefallen. Wenn auch manche unser Gefährt eher skeptisch begutachten, fühlen wir uns direkt wohl in der höchsten Stadt der Welt, die früher auch zu den größten der damaligen Welt gehörte. Lola parken wir einfach direkt am komplett belichteten Hauptplatz vor der Polizei. Von Bolivien haben wir schon viel Gutes gehört, was günstige Essenpreise angeht. Auf dem Weg nach einem Happen bolivianischem Essen werden wir von einem Bistro ins andere geschickt, denn um fast elf Uhr sind die Straßen nahezu leergefegt und alles beginnt zu schließen. Unsere verzweifelte Suche führt uns in eine kleine Seitenstraße, in der aus kleinen Blechhütten zu mindestens genauso kleinen Preisen Hamburger ähnliche Sandwiches verkauft werden. Wir beide bestellen erst einen zum Testen, doch danach direkt den zweiten. Nachdem wir uns mit je zwei Hamburgern plus Pommes gestärkt haben, sind wir gerade einmal zwei Euro leichter und schlendern zurück zu Lola.

Auch wenn die Minentour vielleicht nicht jedermanns Sache sein mag, wollen wir uns dieses einmalige Erlebnis, die vielleicht gefährlichste Mine der Welt zu besuchen, nicht entgehen lassen. In der Stadt fragen wir uns auf der Suche nach der besten Agentur durch und stoßen letztendlich auf Ronaldo, einen ehemaligen Minenarbeiter. Für den nächsten Tag verabreden wir uns kurz nach acht Uhr an der Ecke der ehemaligen Münzprägerei. Pünktlich warten wir auf Ronaldo, der noch drei andere Reisende mit auf unsere Tour mitbringt. In einem alten Bus kämpfen wir uns die hüglige Stadt hinauf und sind froh, das nicht nur Lola die Höhe und Steigung zu schaffen macht. „Da sind wir beim roten Haus!“. In einem kleinen Innenhof stellt uns Ronaldo seine beiden Kumpel vor, die uns mit begleiten werden und rüstet uns mit etwas veralteter Sicherheitskleidung aus. Ein paar Gummistiefel und ein zwanzig Jahre alter Helm sollen uns vor den Gefahren der Unterwelt bewahren. Zum Schutz vor dem Staub gibt er jedem noch eine leichte Schutzhose und -jacke. Von nun an sind wir die „Sexy Miners“ spaßt Ronaldo und schickt uns zurück in den bolivianischen Bus.

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Nach einer aufregenden Minentour die verdiente Aussicht auf Potosí vom Cerro Rico

Nächster Halt Mineralientrennstation. An dem Lehmhaus lehnt ein eingestaubtes Warnschild – „Zugang nur für Mitarbeiter“. Ignorieren wir es einfach und stratzen in die auf drei Etagen aufgebaute Mineralienwaschstation Hoch giftige Chemikalien spritzen hier durch den engen Raum, in deren Ecke ein Bolivianer Kokablätter verschlingt und hastig an seiner filterlosen Zigarette zieht. Zigaretten sind ja wohl das geringere Übel, teilt er uns auf besorgte Nachfrage hin mit. Auf dem Weg zum Arbeitermarkt versperren uns vier Schweine die Straße, die wir kurzerhand zur Seite scheuchen. Der dunkle Raum in dem wir stehen, ist gefüllt mit allerhand Arbeitsmitteln, zu denen wohl auch der 96%ige Alkohol gehört. Nach einem kleinen Schluck dreht sich unser Magen im Kreis und uns wird klar, wer das trinken muss, um arbeiten zu können, arbeitet unter schlechtesten Verhältnissen. Im Anschluss spielen wir mit dem weichen Dynamit, auf den Bodenwerfen wie Knallfrösche führt zu keinem Erfolg. Für gut zwei Euro können wir einen kompletten Sprengsatz legal erwerben: Dynamit, Verstärker plus Lunte in einer Plastiktüte verpackt für die Arbeit unter Tage. Alessandro kauft sich noch einen Mundschutz und für uns beide eine große Tüte Kokablätter, die uns vor Atemnot in der Unterwelt behüten sollen. Bepackt mit unserer Ausrüstung und den Geschenken für die Minenarbeiter fahren wir weiter zu einem Mineneingang. Schnell schlüpfen wir durch ein Loch im Zaun und mischen uns unter die Arbeiter, die rauchend, trinkend und Kokablätter kauend ein paar Minuten frische Luft genießen, bevor sie zurück unter Tage müssen. Rechts neben uns liegen kaputte Grubenwagen, rechts können wir in die Behausungen der Arbeiter blicken. Auf leicht feuchtem Steinboden liegen dutzendweise kaputte Matratzen und zerschlissene Decken, die für unser Verständnis unmenschlichen Verhältnisse lassen uns schaudern. Die Arbeiter begrüßen  uns nett und freundlich, sie wissen, dass sie auf Besucher angewiesen sind. Die wenigen Euro, die wir für Geschenke ausgegeben haben, bedeuten für sie Lebensgrundlagen. Ein Normalverdiener in der Stadt verdient um die 100 US$, in der Mine können – es ja nach Fund – bis zu 400 US$ werden. Dieser Lohn muss meist für gesamte Familien reichen. Trotz der günstigen Lebensunterhaltungskosten in Bolivien reicht der Lohn allerdings nicht für eine nach unserem Verständnis menschenwürdige Lebensführung. Wir treffen Väter, die selbst mit ihren 12-jährigen Söhnen unter Tage gehen und unter Tränen keine andere Überlebenschance für die Familie sehen, wenn die Kinder nicht mit arbeiten kommen. Frauen bringen Unglück unter Tage, aber Witwen von Minenarbeitern versorgen die Arbeiter und oft deren Söhne mit Essen. Unser Spanisch hilft uns hier nur teilweise weiter, denn die Vielzahl spricht Quechua, ihre indigene Sprache. Wir wagen uns mit Ronaldo in die Höhle des Teufels, hier Kilometer unter der Erdoberfläche wird der Teufel „Tío“ (Onkel) angebetet. Dies soll verhindern, dass noch mehr Mineros (Minenarbeiter) von dem Gestein verschluckt werden. Er wird mit Gaben in Form von Alkohol, Zigaretten und Koka gnädig gestimmt. Auch wir dürfen Teil einer dieser Zeremonien sein, bevor wir weiter ins Innere laufen, um nicht von einem der Wagen erwischt zu werden. Mindestens zwei Tonnen Gestein werden mit um die drei Mann aus tiefster Tiefe geschoben. Es wird kälter oder es ist nur der Schauer, der uns über den Rücken läuft während wir schwitzend und kurzatmig in die Mine klettern. Unter Tage werden wir zu den verschiedenen Arbeitsstellen gebracht. Oft ist es nur ein schwerer Hammer und eine Eisenstange, die die Minenarbeiter zur Verfügung haben, um Löcher für Dynamit in die harte Felswand zu rammen. Mit einem Schlagbohrer probiert auch Alessandro die harte Arbeit aus, gibt jedoch nach einigen Minuten erschöpft auf. Nach circa zwei Stunden kämpfen wir uns Stück für Stück wieder aus der stockfinsteren Umgebung nach oben. Doch der Ausgang ist versperrt, ein voll geladener Karren ist von den teils zerstörten Schienen abgekommen und zur Seite umgekippt. Nach minutenlanger schweißtreibender Arbeit ist der Weg jedoch wieder passierbar. Immer wieder springen wir fluchtartig in einen Tunnel, wenn die tonnenschweren Karren an uns vorbei geschoben werden. Endlich über Tage angekommen, sind wir froh, wieder saubere Luft atmen zu können und Tageslicht zu sehen.
Diese Tour war eine eigentlich unbeschreibliche Erfahrung, die uns nicht nur auf Grund des Sauerstoffmangels den Atem hat gefrieren lassen. Unsere Kleidung streifen wir ab und sind trotzdem noch komplett silberschimmernd eingestaubt. Der einzige Weg zu einer Dusche führt uns in die Sauna der Minenarbeiter. Das kalte Wasser wäscht zwar den Dreck ab, aber was wir gesehen und erlebt haben, werden wir so schnell jedoch nicht wieder vergessen können.

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