Das weiße Gold – Kokain statt Koffein

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17.02.2015 – 19.02.2015; Medellin;

Wir nehmen noch eine Line und reden über Gott und die Welt. Danach feiern wir bis in den Morgen, können nicht schlafen und wachen am nächsten Tag erst in den späten Abendstunden wieder auf.

So könnte wohl der Beginn über eine durchzechte Kokainnacht beginnen. Dem weißen Gold, das viele in Kolumbien suchen und auch bekommen, im Vergleich zu Europa und den USA sogar zu Spottpreisen. Unsere Informationen zu Kokain sehen jedoch etwas anders aus, aber auch wir wollen dieses Thema nicht auslassen und setzten uns mit Koks, Shit, Schnee oder wie auch immer man es nennen möchte, auseinander. Aber ganz anders als man jetzt vielleicht erwarten könnte. Wir machen einen Exkurs in die Drogengeschichte und Gegenwart von Kolumbien.

Medellin, galt Jahrzehnte als gefährliche Stadt, wenn nicht sogar als gefährlichste der Welt. Drogenkartelle haben sich in Kolumbien gegenseitig bekämpft, Millionen unbeteiligte Menschen sind gestorben und die Angst sitzt auch noch heute in den Köpfen der Bevölkerung. Es ist kompliziert jemanden zu finden,3 der bereit ist offen darüber zu sprechen und eine objektive historische Aufarbeitung ist noch lange nicht in Sicht.

Der Marihuana-Export wurde schon in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahr-hunderts weitgehend eingestellt, er sei zu wenig lukrativ seitdem sich jeder sein Gras im Garten oder in der Toilette züchten kann. Doch Kokain, das aus den Blättern der Kokapflanze gewonnen wird, kann nur in den Andenstaaten Lateinamerikas produziert werden. Versuche in Asien und Afrika sind gescheitert, warum – ist bis heute nicht geklärt. Das Zusammenspiel aus Höhe, Temperatur und ungeklärten anderen Bedingungen lassen den Anbau in anderen Ländern scheitern. Selbst wenn eine Pflanze gedeihen mag, es braucht einen Hektar für ein Kilogramm des weißen Goldes. Vor den Kartellen in Südamerika die sich in den Achtzigern und Neunzigern in Kolumbien bildeten, gab es schon lange Kokainexport. Doch der Unterschied liegt in der Menge, was früher wenige Kilogramm waren wurden binnen kürzester Zeit Tonnen. Heutzutage ist Peru an Platz eins der Kokainproduzenten und Kolumbien an Platz zwei vor Bolivien, doch das ist nur die Produktion. Der Handel spielte sich und spielt sich immer noch im großen Stil in Kolumbien ab.
Ein einziger Mann kontrollierte 80% des weltweiten Kokainhandels, von genau dort, wo wir uns zurzeit aufhalten. In Medellin laufen alle Fäden zusammen.

IMG_5150Wer sich heute mit der Geschichte kolumbianischer Drogenkartelle auseinandergesetzt, stolpert sicherlich früher oder später über den Namen Pablo Escobar. Wir haben die Stadt Medellin genau aus diesem Blickwinkel besichtigt und uns mit der Vergangenheit auseinander gesetzt indem wir uns mit Zeitzeugen unterhielten und die wichtigsten Orte in Verbindung mit seinem Leben besucht haben.

Pablo Escobar kam als Sohn eines Bauern und einer Lehrerin zur Welt. Bereits im Kindergarten entwickelte er sich sehr speziell. Spielkameraden träumten von einer Karriere als Astronaut, Feuerwehrmann oder Lokomotivführer, als Pablo Escobar schon im Kindergarten nur von Macht und Geld fantasierte. Wie ein roter Faden zog sich dieses Streben nach Macht und Geld durch sein Leben. Seine Schullaufbahn blieb davon nicht unberührt. So flog er nach wenigen Monaten von der Schule – er hatte für sich und seine Schulkameraden die Lösungen für die Prüfungen gestohlen und wie verwunderlich, alle bestanden sämtliche Prüfungen.
Doch solche Aktionen machen wohl noch keinen zum siebtreichsten Mann der Welt, dem einflussreichsten Drogenbaron und amerikanischem Staatsfeind Nummer eins.

Wie viele Persönlichkeiten in diesem Milieu brauchte es aber nicht lange und er kam mit der dunklen Seite der Großstadt Medellin in Kontakt. Es sei in Frage gestellt, ob Marihuana nun als Einsteigerdroge bezeichnet werden kann oder nicht, für Escobar war es der Beginn einer rasanten Karriere. Nach dem Konsum vom Marihuana, begann er es zu verkaufen. Im Anschluss klaute er Motorräder, schmuggelte Tabak und Schnaps aus den Nachbarländern und verscherbelte zerlegte Autos. Bis hier klingt seine Geschichte wie die vieler Kleinkrimineller auf der ganzen Welt.
Schnell entdeckte der noch junge Escobar das Kokaingeschäft. Geld hatte er schon länger und seine Namen wurden unaufhaltsam bekannter. Manche nannten ihn Patron, denn er „kümmerte“ sich um die Armen, die anderen nannten ihn Doktor, denn er hatte Geld und Einfluss, wenngleich er keinen Abschluss hatte. Oder man nannte ihm einfach bei seinem anderen Namen Emilio Gaviria. Selbst soll Escobar nie Kokain konsumiert haben, stets trug er nur einen Joint und eine Dose Bier bei sich.

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Eins der Häuser von Escobar, natürlich in weiß

Mit der Zeit besaß er 500 Immobilien in Kolumbien, 200 in den Vereinigten Staaten und weitere unzählige unter anderem in Panama, Spanien und Australien – alles nur für den Fall der Fälle. In dem gewaltigen Haus, in dem wir unseren ersten Stopp hatten, lebte er einen langen Zeitraum. Die acht Stockwerke teilte er sich jedoch nur mit 3 Personen, seiner Mutter, seiner Frau und seinem, zu dieser Zeit, einzigen Kind. Unzählige Security bewachten ihn in seinem weißen Prachtbau. Weiß, wie reines Kokain. Alle anderen Häuser in der Nachbarschaft erstrahlten in landestypischen Farben. Weiß als Hausfarbe war in Kolumbien nicht üblich; für alle seine ca. 1000 Immobilien soll Weiß das Markenzeichen gewesen sein.

„Er hatte immer wieder diese verrückten Ideen“, wird uns berichtet. So kam er auf die „Marktlücke“, als er bereits den gesamten Drogenhandel Medellins und das gesamte Umland kontrollierte und somit der größte Drogenbaron von Kolumbien war, er könne dem Drogenkartell in Cali doch Steuern abverlangen. Eine Art Steuern für illegal verkaufte Drogen, Steuern an ein anderes Kartell. Die Drogenbosse aus Cali hatten dafür natürlich wenig Einsehen und so kam es nach kurzer Zeit zu dem ersten Autobombenattentat in Kolumbien vor einem seiner Häuser. Der Anschlag traf jedoch nicht wie geplant Kartellmitglieder, sondern nur Zivilbürger. „Mit diesem Attentat begann der Horror!“, erzählt uns Paola und hat glasige Augen. Als direkte Antwort lässt Escobar wie zu einem Spaß ein anderes seiner Häuser zur Ruine schießen. Das Balikartell sollte es als Symbol dafür nehmen, dass egal was auch passierte, er der Größte wäre. Polizeirecherchen ergaben, das vom Calikartell bombardierte Haus gab es offiziell gar nicht, es gab nie eine Baugenehmigung, keine Kaufverträge und keinen Grundstücksbesitz, das Calikartell hatte in einen großen Fehlschlag investiert. Das bombardierte Haus, wie viele der Häuser Escobars, steht bis heute leer. Dennoch werden sie bis heute von Polizei und privater Security bewacht.

Das Attentat auf sein eigenes Haus blieb jedoch nicht seine einzige Antwort, in den folgenden Wochen platzierte das Medellínkartell in ganz Kolumbien über 45 Bomben. Bald schon befand Escobar, er bräuchte eine Armee, ausgebildete Killer. Aus den ärmsten Vierteln der Stadt sammelte er Jugendliche ohne Zukunft ein und ließ sie auf Farmen um Medellin herum von Exmilitärs ausbilden. Anders jedoch als man erwarten könnte nicht von Kolumbianern, sondern von Exmilitärs aus England und Israel, die die Jugendlichen drillten. Das Motorrad wurde zu ihrem Fahrzeug: ein Fahrer vorn und ein Schütze als Mitfahrer. Auf diese Art veranstalte Escobar entsetzliche Massaker; jeder, der sich ihm in den Weg stellte wurde niedergemetzelt.
Erst jetzt verstehen wir, warum wir noch nie zwei Männer auf einem Motorrad in Medellin gesehen haben. Es ist sogar bei Strafe verboten so auf dem Motorrad zu fahren. Und das gilt auch heute noch. Sei es der Vater, Bruder oder bester Freund, wer einen männlichen Mitfahrer auf dem Motorrad hat macht sich strafbar.
Bei diesen Kämpfen erlitt die Armee von Escobar ebenfalls Verluste.
Starb einer aus der Familie, so wurde er nicht in einer traurigen Zeremonie beerdigt, es gab eine Feier. Die „Goodbye Party“. Der Tote wurde wieder hergerichtet, bekam eine Sonnenbrille aufgesetzt und wurde als „Betrunkener“ durch die Stadt geschliffen. In Bars, Diskotheken und Bordellen wurde gefeiert, selbst Lap Dances von Prostituierten wurden für die Toten veranstaltet um deren „Heldentaten“ zu würdigen.

Escobar duldete es nicht abgewiesen zu werden und er liebte das Provozieren. Er kaufte darum einmal das Nachbargrundstück eines edlen Clubs und erbaute darauf eine Villa als er nicht in dem edlen Sportklub der Stadt aufgenommen wurde. Die Mitglieder wollten ihn nicht in ihren Reihen sehen und ächteten ihn mit ihrem Ausschluss. Die Reichen und Schönen der Stadt, die selber auch in dem Stadtviertel wohnten, hatten ihn nun zwar nicht im Sportclub zu ertragen, doch trotzdem sahen sie ihn nun jeden Tag im Pool seines Hauses liegen, die Straße auf und ab flanieren und vor allem wilde Partys feiern.

Doch Escobar hatte auch eine andere Seite, er wurde nicht nur negativ wahrgenommen, im Gegenteil. Er war der Patron, der Robin Hood vieler Bewohner der Stadt. Wie konnte ein solch gewalttätiger Mann zum Idol einer Stadt werden?

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Maria Statue an der sich die Geschichte ereignet haben soll

Als wir die Maria Statue besuchen, wird uns eine weitere Geschichte erzählt. „Escobar kam um zu beten. Er betete für ein Flugzeug das voller Kokain in den USA landen sollte. Vor ihm saß eine alte Frau, sie betete und weinte verzweifelt. Sie betete um Essen und eine Zukunft für ihre Kinder. Escobar war durch das Weinen aufmerksam geworden, ging zu der Frau und schenkte ihr eine große Summe Geld, denn davon hatte er genug.“
Wer von dem Kartell auf solche Weise unterstützt wurde, der erhob sich nicht, sondern unterstütze es. Später baute Escobar riesige Siedlungen für Obdachlose, Krankenhäuser und Schulen mit denen er sich das Wohlwollen der armen Bevölkerung sicherte. –Und von denen gab es mehr als genug. Er sicherte sich so Stimmen für die Regierungswahl, denn schon lange war er nicht mehr nur ein Drogendealer, er war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und hatte großen Einfluss.
Religionen sind doch schon immer irgendwie ironisch, lacht ein Zeitzeuge, der selbst jedoch streng katholisch ist und niemals die Bigotterie unterstützte. Die Killer töteten ihm Namen Gottes, sagten sie zumindest. Ähnlich wie die Kreuzritter, zieht er als Vergleich hinzu, jedoch ohne religiösen Hintergrund. Sie banden sich Kreuze und Marienbilder um Waffen, Motorräder und den Hals. Um besser zu fahren, zu schießen und natürlich auch um selbst zu überleben.

Doch die Exmilitärs aus England und Israel waren nicht die einzigen. Die Drogen mussten tonnenweise aus dem Land geschafft werden. Und auch dazu heuert Escobar Hilfe aus dem Ausland an. Ingenieure aus der Sowjetunion bauten seine U-Boote und Ex-Soldaten aus dem Vietnamkrieg flogen Jets in die Vereinigten Staaten. Allein am nationalen Flughafen in Medellin besaß das Kartell mindestens drei eigene Docks. Das Geschäft boomt und der Drogenbaron Pablo Escobar ist mächtiger und reicher als je zuvor.

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Pablo Escobar und seine Ehefrau

Je einflussreicher und mächtiger er wurde, desto verschwenderischer lebte er. Es sollen die besten Feiern der Nation gewesen sein. Als bekannteste ist eine auf seiner Hacienda, einem außergewöhnlichen Anwesen nahe Medellin, in Erinnerung geblieben. Doch so furchtlos er schien, selbst ein Mann wie Escobar hatte Angst, nicht vor Polizei oder dem CIA. Er fürchtete nichts mehr als seine eigene Ehefrau. So erzählt man hinter vorgehaltener Hand, dass er unzählige Male seine Frau mit jungen Frauen und Minderjährigen betrogen haben sollte, doch von ihm Geschwängerte sollten stets umgebracht worden sein. Er umgab sich gern mit jungen Frauen, seine eigene Frau heiratete er, als sie gerade einmal 15 Jahre alt war.
Trotzdem soll seine Ehe mehr als glücklich gewesen sein, vor allem als Vater soll er ein vorbildliches Bild abgegeben haben. Besonders beeindrucken uns ironisch wirkende Bilder von ihm mit seinem Sohn vor dem weißen Haus, während er als Abgeordneter für Kolumbien fingierte. Auf jener Feier flog seine Frau ein, die Feier wurde binnen weniger Minuten aufgelöst und eine Businessverhandlung vorgetäuscht. Als sie wieder wegflog, ging die Party wieder los. Noch viel heftiger als zuvor.

Pablo Escobar soll mit mehreren Milliarden Dollar, siebt reichster Mann der Welt gewesen sein. Und nicht nur er sondern auch andere Kartelle und seine engsten Mitarbeiter profitierten im hohen Maß von dem lukrativen Geschäft. Aber bei einer Steuererklärung kann schlecht als Herkunft Kokainhandel angegeben werden und so verfügten die meisten seiner Mitstreiter über die höchsten Posten im öffentlichen Leben. Milliarden mussten gewaschen werden, aber wie?
Sicherlich war die Geldwäsche nicht ein sonderlich schwieriges Geschäft, denn die Demokratie wie der ganze Staat Kolumbien waren höchst instabil und kolumbianische Beamte höchst korrupt.

„Vertraue nicht der Liebe einer Prostituierten, glaube aber noch weniger der Freundschaft zu einem Polizisten!“
– kolumbianischer Spruch aus der Zeit Escobar

Die Drogenbarone versteckten Dollernoten und Diamanten an geheimen Orten in Häusern und Urwäldern, sowie auf Banken der gesamten Welt. Es wurden selbst die Fingerabdrücke von Affen benutzt um Immobilen zu kaufen und so besaßen etliche Affen aus dem Urwald hunderte Immobilien in Kolumbien. Eine Gruppe Militärs fand circa 20 Jahre nach der großen Zeit Escobars im Urwald drei Tankkanister voller Bargeld und Diamanten. Sie meldeten den Fund nicht, sondern teilten das Geld untereinander auf. Jedoch machte nur einer von ihnen den klugen Schritt ins Ausland zu fliehen, die beiden anderen wurden wenige Monate nach pompösen Partys und dem Kauf von luxuriösen Immobilien und Autos wegen des Verdachts auf illegale Geschäfte in Kolumbien festgenommen.

Ikarus kommt ins Trudeln, stürzt ab. Der einst so beliebte Pablo Escobar wurde nun Monat um Monat unbeliebter, nachdem allmählich der Bevölkerung die ausweglose Lebenssituation im Land bewusst wurde. Täglich kam es zu Anschlägen, Autos, Tiere und Menschen wurden als Bomben missbraucht und in Kolumbien war kein Ort mehr sicher. Um in Kolumbien ein sicheres Leben zu führen, gab es nur zwei Möglichkeiten „Plata o Puma“ („Geld oder Patrone“), auf andere Art und Weise konnte mit den im Drogengeschäft Verwickelten kaum verhandelt werden.
Auch die USA bekam schnell Wind von dem neuen Stil des Drogengeschäfts und auch wenn die Vereinigten Staaten bester Geschäftspartner für Escobar und seine Komplizen waren, ging der Regierung das neue Geschäft zu weit.
Der damalige Präsident Bush schnürte ein neues Milliardenpacket gegen den neuen Staatsfeind Nummer 1, Pablo Escobar. Höchstausgebildete US-Militärs wurden geschickt um den Kopf des Kartells zu zerstören, ob lebendig oder Tod spielte dabei keine Rolle. So kam es dazu das nach wenigen Wochen 2.000 Amerikaner nur einen einzigen Mann in Kolumbien suchten, lange jedoch ohne jeglichen Erfolg, doch der sogenannte „Search Block“ war geschaffen. Pablo Escobar reagierte ad hoc und schickte seine Frau samt Kindern in einem Flugzeug nach Deutschland, doch die Regierung der Bundesrepublik weigerte sich die Flüchtlinge aufzunehmen. Und so drehte das Flugzeug um, ohne das auch nur eine der Personen der Maschine je deutschen Boden unter die Füße bekam.
In Kolumbien verließ Escobar in der Zwischenzeit nie wirklich seine Stadt Medellin, sondern lebte weiter in einem seiner Häuser. Nutze über 60 Telefonnummern und Satellitentelefone ohne jedoch jemals länger als zwei Minuten zu telefonieren um eine Ortung auszuschließen. Als er das zweite Mal in seinem Leben festgenommen wurde, handelte der immer noch einflussreiche Mann aus, nicht an die USA ausgeliefert zu werden, sondern in seinem eigenen Gefängnis festgehalten zu werden. Sein Gefängnis die Kathedrale, wie er sie nur nannte, glich mehr einem Hotel. Er hatte alles was er wollte und die Wärter waren keine anderen als seine engsten Vertrauten. Wenige Monate später wurden immer mehr Komplizen von ihm „ausgeschaltet“ und der Kopf des Kartells minimierte sich, bis nur noch Escobar und sein bester Security Lemon übrig waren. Die Regierung Kolumbiens änderte ihre Zugeständnisse und die Auslieferung Escobars an die USA stand kurz bevor. Da die gesamte Gefängnisleitung aus seinem eigenem Schlafzimmer geregelt und kontrolliert wurde, schaltete er kurzerhand den Strom aus und floh des Nachts.
Einmal mehr hatte Polizei und Militär versagt und einer der gefährlichsten Männer der Welt war wieder auf freiem Fuß.

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In dem Nachbarhaus wohnte Escobar die letzten Tage vor seinem Tod und versuchte über das Dach zu fliehen

Doch großen Rückhalt und Schutz fand er nach seiner Flucht nicht mehr. Die meisten seiner Leute waren bereits Tod. So wohnte er alleine mit seinem Securityguard Lemon in einem seiner Häuser in Medellin. Immer noch fühlte er sich sicher in dieser Situation – unangemessen sicher, wie die Entwicklung zeigte. In der Nacht auf den 02. Dezember 1993 feierte er seinen Geburtstag, wenn auch nur im engsten Kreis, aber in der von ihm üblichen Art, ausschweifend und exzessiv.
Die Geschichte um seine letzte Nacht und seinen Tod wurde nie bestätigt aber wir halten den erzählten Mythos für wahr. Um Mitternacht prostete, der schon angetrunkene, Escobar Lemon zu, dabei ihm fiel sein Champagnerglas aus der Hand. Als es auf den weiß gefliesten Boden prallt, zerspringt es aber nicht, sondern landet schadenlos auf den Fliesen. „Ein Zeichen Gottes, dass mir nichts passieren kann!“, höhnte der betrunkene Drogenbaron durch sein Haus. Doch einen Tag nach seinem Geburtstag passierte, was passieren musste. Sein Haus wurde von Polizei und Militär umstellt. Escobar floh über das Nachbarhaus, wurde dabei jedoch von zwei Schüssen am Beinen verletzt. Wer ihm nun den letzten, den Kopfschuss gab weiß keiner. Escobar hatte stets sagte, er wolle lieber sterben, als in den USA in den Knast zu gehen. Das Gerücht, das seitdem kursiert ist nicht auszumerzen. Es heißt, er habe sich diese Kugel selbst gegeben. Denn für diesen Moment soll er jederzeit eine vollgeladene Waffe bei sich getragen haben.

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Zeichnung des erschossenen Escobar

Wir besuchen den Privatfriedhof auf dem Escobar heute begraben liegt. Jeder Grabstein ist eingegraben, damit jedes Grab gleich aussieht. Es fällt nur ein einziges Grab aus dem Rahmen, das Grab von Pablo Escobar. Eine Marmorbank hebt Escobars Grab hervor, als Pilgerstätte für Hasser und Bewunderer vor einem gewaltigen Kiesgrab. Es ist noch heute das meistbesuchte Grab Südamerikas nach dem von Evita Peron in Buenos Aires. Bei der Beerdigung haben Bewunderer die Kirchengläser eingeschlagen und den Sarg auf Händen in das Grab getragen. Bilder der Zeremonie ähneln der Beerdigung eines Wohltäters erster Klasse. Seine Frau und Kinder leben heute unter Schutz der Regierung in Argentinien, nur sein Bruder lebt noch in Medellin und das ein oder andere Mal können ihn Touristen, Freunde und Hasser in dem Haus seines Bruders antreffen.

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pompöses Grab von Escobar

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„Normale“ Gräber auf dem Friedhof

 

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Der kolumbianische Staat versuchte schnell zu reagieren und zerstörte einige mögliche Pilgerstätten. Aus der Hacienda Napoli wurden sämtliche Tiere entfernt, bis auf die Nilpferde. Erst hoffte man, dass die vier Nilpferde der Hacienda mit der Zeit von selbst sterben würden, doch das milde Klima bewirkte das Gegenteil und jetzt leben über 40 der Tiere in freier Wildbahn in der Zone rund um die ehemalige Hacienda Escobars, der einzige Ort weltweit außerhalb Afrikas, an dem man freilebende Nilpferde findet.

Heute werden Touren in Medellin Angeboten, die eine ähnliche Tour abfahren, wie wir es gemacht haben, und je nach Interesse der Tourguides einige interessante Informationen weitergeben. Doch die Guides fühlen sich zunehmend unwohl in ihrem Job. Immer wieder werden sie von Passanten oder gar Tour-Teilnehmern aufs Übelste beschimpft. Mit der Tour wollen die meisten Tourguides erreichen, dass die Welt versteht was hinter der für viele so verlockenden Droge steht und wie viele Menschen in Lateinamerika für ein paar lustige Stunden, in Europa, Asien oder Nordamerika, ihr Leben lassen. Aber selbst Kokainkonsum während der Tour sei schon vorgekommen, wird uns erzählt. Dieses Verhalten wird als große Respektlosigkeit der Touristen gewertet. „Was unsere Gäste später machen, ist jedem selbst überlassen, aber bitte nicht vor uns!“, erklärt der Guide weiter. Die meisten Kolumbianer können es den Touristen auch nicht übelnehmen, erklärt uns ein Taxifahrer später auf Nachfrage, sie haben schließlich früher auch oft Kokain konsumiert, bevor ihnen der gesamte Zusammenhang bewusst geworden ist.

Nach dem Tod und der Zerschlagung des Kopfes des Kartells hat sich in Kolumbien einiges geändert. Zwar haben viele von Kolumbien noch immer ein veraltetes Bild, doch von der einstigen Gefahr der Kartelle spürt man nur noch wenig. Sämtliche Drogengeschäfte werden heute von sieben kleineren Gruppen geleitet und das weit ab der Touristenpfade, doch die FARC ist nur eine. Doch der Schmerz sitzt noch tief in den Herzen der Kolumbianer, erst starben 45.000 Menschen nachher waren es über 6 Millionen Tote in wenigen Jahren. Und das seien bloß offizielle Zahlen. Paola lacht über die Frage, warum viele sagen, Kolumbianer haben einen dunklen Humor. „Wir sind in einer schwarzen Zeit aufgewachsen, da ist es doch kein Wunder wenn unser Humor noch etwas grau ist!“, schmunzelt sie und erzählt uns einen Witz den sich Kinder im Alter von sechs Jahren auf der Straße erzählt haben sollen:

„Was bekommt die Tochter von Escobar zu Weihnachten? – Eine Barbie Autobombe!“

Bedauerlicher Weise wiederholt sich das Geschehen aktuell in Mexiko, fährt sie fort. Wieder sind es große Kartelle und einflussreiche Männer, die sich eine weißgoldene Nase verdienen. Sie will da keinem einen Vorwurf machen, doch jeder der diese Verdacht anzweifelt, solle sich alleine die offiziellen Zahlen vor Augen führen, 75.000 Tote und fast genauso viele Vermisste, die wahrscheinlich auch schon allesamt Tod sind.

IMG_5130„Aber wir wollen nicht nur Hiobsbotschaften erzählen!“, lächelt Paola. Polizei und Militär hätten den Handel in Kolumbien schon immer besser im Griff. Aber trotzdem sollen wir sie noch in ein anderes Viertel begleiten. Das Viertel wirkt schmutzig und düster obwohl die Sonne hoch am Horizont scheint. „Willkommen im Drogenviertel! Ich werde jetzt hier nichts sagen,
sonst bin ich morgen eine tote Frau, aber kommt mir einfach hinter her.“, weist sie uns an. Werkstätten in denen geklaute Autos zerlegt und umlackiert werden. Düstere Gestalten in Hauseingängen und perfekt gekleidete „Passanten“. Später wird uns erklärt, dass dies wohl das sicherste Viertel der Stadt sei, denn die Dealer achten auf ihre Kundschaft. Wird hier ein Kunde ausgeraubt, bekommt er sein Hab und Gut wenige Minuten später zurück, es wird sich entschuldigt und der Dieb ist schon lange Tod. Hier herrscht noch Selbstjustiz, Polizei brauchen die hier nicht, sie haben ihre eigenen Männer. Das DrogenGeschäft, wenn es auch etwas weniger Gewallt mit sich bringt, sei heute noch größer und bringe noch mehr Geld ein als zu Zeiten von Escobar. Die Touristen kommen und bekommen was sie wollen, den „good shit“. Jährlich gehen Rund 147 Tonnen hochkonzentriertes Kokain in die USA und fast die gleiche Menge wird nach Europa exportiert.
Wer in Kolumbien ein Gramm Kokain kauft, wird uns erklärt, bekommt für 8$ circa 60% Kokain, 100% gibt es nirgends auf der Welt, in Europa bekommt man gerade mal 20% wenn es hoch kommt 30% oder 40% für 70$ bis 200$. Dass man damit ein großes Geschäft machen kann, können auch wir uns nach den Recherchen gut vorstellen. Offiziell werden 500 Millionen Umsatz in Kolumbien durch Kokain gemacht, ausgegangen wird jedoch von einer Summe die mehr als vier- mal so hoch ist.
Eine Aufklärung in Kolumbien ist noch nicht in Sicht, noch immer sind zu viele Involvierte in hohen Ämtern. Ganz gleich, was die Kolumbianer machen, Escobar ist und bleibt in den Köpfen verbunden mit Kolumbien. In Deutschland ist es Hitler, in Spanien Franco und in Argentinien Videla.

Am Ende des Tages beruhigt uns Paola. Kokablätter seien kein Problem. Die gibt es auch schon mehr als 4.000 Jahre. Die zu kauen sei eine ältere Tradition als das Beten in der katholischen Kirche.
Paola, die selbst Einiges in dieser Beziehung durchgemacht hat, sieht nur einen Ausweg, Kokain muss legalisiert werden, um den Schwarzmarkt einzudämmen. Ob das wirklich die Lösung des Problems ist, wagen wir zu bezweifeln, denn dann wäre Kokain auf einer Stufe mit Alkohol, Zigaretten und in manchen Ländern Marihuana. Doch wie Südamerika, insbesondere Kolumbien, dieses Thema weiter in den Griff bekommen will, wird die Zukunft zeigen. Klar ist nur eins, der Präsident von Kolumbien hat klare Worte gesprochen, „Was die USA legalisiert machen wir auch und zwar sofort!“.

Springhunters Colombia – dem Frühling auf der Spur

Springhunters Colombia Filmbanner Kopie

Mit Kolumbien ist für uns nicht nur wieder ein Land zu Ende, sondern ein ganzes Kapitel unserer Reise. Südamerika war eine wunderbare, spannende und interessante Zeit und zu gerne hätten wir mehr Zeit dort verbracht, doch uns zieht es weiter in Richtung Norden. Uns erwarten schon neue Abenteuer in Zentralamerika und wir freuen uns bereits auf eine tolle Zeit in Panama! Viel Spaß bei unseren letzten Eindrücken aus Südamerika!

Music:

Who Cares – Sam Brown

Spark – Final Round

Jetzt noch näher dabei…

Endlich haben wir sie, eine Karte auf der Ihr immer live dabei sein könnt. Auf der Karte seht ihr nicht nur wo wir aktuell sind, sondern auch noch wo wir überall schon waren. Durch die interaktive Funktion könnt Ihr auch direkt über der Karte in den Blogeinträgen stöbern; klickt einfach auf die roten Markierungen. Ab jetzt steht Euch diese Karte immer auf Route zur Verfügung.

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Mitreisen…

 

Wir sagen Danke!

Es ist geschafft, wir haben die 100-Fan-Marke überschritten. Noch wenige Tage könnt ihr unser Projekt liken, bevor wir endlich in die Finanzierungsphase übergehen! Wir möchten uns schon einmal ganz herzlich bei allen Unterstützern bedanken und freuen uns über jeden weiteren, der sich mit unserem Projekt verbunden fühlt! Macht mit und werdet ein Teil- www.startnext.de/springhunters

Die Flugtickets sind da!

Bis zum 7. August müssen die Koffer gepackt und das Auto in Buenos Aires angekommen sein. Der Starttermin unseres Projektes steht fest. Von der Planungsphase wechseln wir nun immer mehr in die Umsetzung und können es schon jetzt kaum erwarten im Flieger zu sitzen und das Projekt zu beginnen. Doch noch gibt es eine Menge zu erledigen, soll unser Projekt doch gut vorbereitet sein!