Abenteuer Ruta 40

IMG_1170

26.10.2014 – 06.10.2014, entlang der Ruta Nacional 40; Es gibt viele, für die ist die Ruta 40 ein Lebenstraum und ein großer Wegbegleiter auf der noch größeren Reise über den amerikanischen Doppelkontinent. Wir haben mittlerweile schon ein gutes Stück der gefühlt endlosen Straße, die Argentinien komplett durchquert, befahren. Neuster Asphalt ist der kleinste Teil gewesen; vorwiegend Schlamm, Steine und Holperpisten, die unsere Stoßdämpfer aufs Extremste ausgetestet haben. Eins unserer Nummernschilder liegt irgendwo auf der tausende kilometerlangen Strecke im Süden, begraben unter einer Schlammschicht. Mit der Abfahrt aus Córdoba zieht es uns zurück auf die Ruta 40, die auch als argentinische Abenteuerstraße gepriesen wird. Von Mendoza aus wollen wir das uns noch fehlende Nordstück befahren, bevor wir Argentinien auf dieser Reise wahrscheinlich endgültig verlassen werden. Wieder über die Anden, wieder nach Chile, aber dieses Mal in die trockenste Wüste der Welt.

Von Córdoba nach Mendoza, erinnern wir uns, das haben wir auch schon 2012 gemacht. Damals mit einem Fernbus, heute in unserem eigenen Mobil. Mendoza kennen wir eigentlich schon in- und auswendig, deswegen halten wir uns auch gar nicht lange in der von vielen Reisenden als schönste Stadt Argentiniens gekürten Provinzhauptstadt auf. Gut zwei Monate sind wir mittlerweile in Argentinien und Chile unterwegs, ab dem Tag, an dem wir unser Auto aus dem Container geholt haben, blieben wir Lola treu und sind kein mal „fremdgeschlafen“. Doch in Mendoza können wir nicht anders. Charlie, die ohnehin ein Hostel braucht, quartieren wir in jenem Hostel ein, in dem wir vor gut zwei Jahren etliche Nächte verbracht haben und auch uns lockt diese Erinnerung zurück ins Mehrbettzimmer voller Reisenden. Nach dem zügigen Einchecken essen wir nur noch etwas und gehen schnell ins Bett, denn morgen steht bei uns die Weintour auf dem Programm.
Es ist quasi unmöglich nach Mendoza zu reisen, ohne eine einzige Bodega zu besuchen. Mit dem Linienbus rattern wir aus dem Zentrum nach Maipu, von wo aus wir die Straße des Weines mit einem Fahrrad erkunden wollen. Mr. Hugo, der Fahrradvermieter, erinnert sich sogar noch an uns und freut sich umso mehr, uns wieder begrüßen zu dürfen. Aufgesattelt fahren wir als erstes zu einer Olivenölfabrik, in der wir neben Oliven, Ölen und Pesto auch ein paar Hausgemachte Liköre angeboten bekommen. Glücklicherweise ist es heute nicht so drückend heiß wie die letzten Tage, das Fahrradfahren ist angenehm durch den Fahrtwind und auch der Wein macht uns nicht überaus zu schaffen. Über das Weinmuseum, in das wir nur einen kurzen Abstecher machen, fahren wir zu einem Sommelier, der uns ausgiebig und genau die richtige Weinverkostung erklärt und selbstverständlich probieren lässt. Als Abschiedsgeschenk gibt er jedem eine Flasche „Vino Pinguino“, einen ziemlich süßen Dessertwein mit, der nur einmal im Jahr und nur hier im Verlauf des Weinfestes produziert wird. Die Weinstraße führt uns weiter über holprige Schotterpisten vorbei an Wein- und Olivenfeldern zu der Bodega Trapiche, einer der wohl weltbekanntesten Weingüter. Hier erklärt uns der Führer über die Geschichte und den Herstellungsprozess so ziemlich alles, was man sich unter Wein vorstellen kann, bevor wir zur Krönung der Führung ein paar gute Tropfen  verschiedener Weine zum Probieren bekommen. Bei der Besichtigung treffen wir noch einen Belgier, mit dem wir den Ausflug entspannt bei ein paar Empanads enden lassen. Mr. Hugo ist sichtlich erfreut, als wir ihm von unserem schönen Tag berichten und winkt uns zu sich. „Hier, damit ihr noch einen guten Wein im Hostel genießen könnt!“, sagt er und steckt Charlie zwei weitere Weinflaschen zu. IMG_0630
Derart ausgestattet zurück im Hostel sind diese Weine jedoch nicht von Nöten, denn jeden Abend öffnet hier der Gratis-Ausschank. „Mendoza und Wein, so muss es sein!“, denken wir uns mit den anderen Hostelgästen. Bei dem einen oder anderem Gläschen unterhalten wir uns mit anderen Reisenden über Routen, Orte und Erfahrungen, bis wir irgendwann todmüde ins Bett fallen. Während Max am nächsten Morgen noch lieber etwas länger schlafen möchte, geht es für Charlie und Alessandro ein bisschen auf Entdeckungstour in die Stadt und durch den riesigen Stadtpark. Am Abend treffen wir Max Gastbruder, der mittlerweile aus San Juan nach Mendoza zum Studieren gezogen ist und machen, wie bereits so oft, unseren obligatorischen Asado. Nach noch einem schönen gemütlichen Abend checken wir am nächsten Morgen aus, denn wir wollen weiter.
San Juan ist für uns nur ein kleiner Nachtstopp, doch wir können die Großstadt nutzen, um endlich wieder unsere Gasflaschen zu füllen und einen Stopp auf der Landstraße einzulegen. Von hier aus fahren wir weiter nach Valle Fertil und planen die Besichtigung der nahegelegenen Mondlandschaft des Valle de la Luna. Auf der Strecke in das kleine Dörfchen haben wir mal wieder etwas Pech mit der Polizei. Abblendlicht ist in Argentinien Pflicht, aber wir haben es vergessen. Die Polizisten zeigen sich weniger verhandlungsbereit als in San Luis. Doch auch hier können wir die scheinbar Einheitsstrafe von 300 Euro für Ausländer im Ergebnis mit etwas Geschick auf ein kleines Taschengeld herunterhandeln und so noch rechtzeitig weiter in den Norden fahren.
Von Valle Fertil ist es immer noch eine Stunde Fahrt bis zum Eingang des Nationalparks, doch für uns natürlich kein Problem, Lola rennt schließlich wieder. Im Nationalpark schließen wir uns einer anderen Reisegruppe an, mit der wir die rund 50 Kilometer durch die Mondlandschaft düsen. Alessandro genießt die Tour von der Ladefläche eines Jeeps und filmt, wie Max und Charlie mit Lola durch die atemberaubende Landschaft gurken. IMG_0864
Jetzt ist die Strecke das Ziel, die Ruta 40, der wir bereits wieder seit Mendoza folgen. Sie führt uns auf Entdeckungsfahrt direkt durch unterschiedlichste Klimazonen und Landschaften. An nur einem einzigen Tag durchqueren wir nicht nur eine Wüste und Schluchten, sondern auch blühende Flusstäler und abgelegenste Ortschaften. Größer konnte der Kontrast nicht sein, die Strecke nicht schöner und angenehmer, die langsame aber trotzdem zügige Fahrt auch nicht. Total beeindruckt von der heutigen Strecke stellen wir uns auf einen angenehm ruhigen Campingplatz bei Cafayate, um von hier die nächsten Tage unsere Eindrücke festzuhalten und zuteilen.
Der Campingplatz bietet uns eigentlich alles was wir benötigen, es gibt sogar Zimmer und so kann Charlie ganz entspannt bei uns direkt auf dem Campingplatz schlafen, denn zu dritt mit der immer steigenden Hitze wird schlafen zur Kraftanstrengung. Gerade haben wir Lola auf der Campingauffahrt geparkt bemerken wir beim zurückkommen das es neugierig von anderen Campinggästen begutachtet wird. Wieder einmal war es das deutsche Nummernschild und die auffälligen Aufkleber die die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Und es sind andere Deutsche Bea und Helmut, beide aus Bayern, die mittlerweile schon ein Stückchen länger auf Achse sind, genauergesagt seid 2011. Als wir uns nach dem Abendessen gemütlich zusammen setzten kommen auch noch Denise und Phillip dazu, die gerade ihre einjährige Weltreise beenden. Zu sechst unterhalten wir uns über unsere Erfahrungen, geben uns gegenseitig Tipps und genießen regionalen Wein aus Gallonen. Wir bemerken gar nicht wie Stunde um Stunde verstreicht, aber als um kurz vor vier andere Campinggäste aus ihren Zeltern komische Blicke auf uns werfen beschließen auch wir den Abend zu beenden.IMG_0967
Mit ein paar Pancakes gestärkt starten wir genau wie Bea und Helmut mit unserer Arbeit in den Tag, neue Blogs müssen geschrieben, Bilder bearbeitet und unser Argentinien/Chile Video geschnitten werden. Durch schlechtes Internet und keinen ruhigen Ort in den letzten Tagen hat sich bei uns schon ein kleiner Haufen Arbeit angesammelt, denn es jetzt anzugehen geht. Den ganzen Tag vor dem Computer gesessen beschließen wir unser Camp etwas zu verlängern. Mittlerweile ist unsere Weltreisegruppe auch noch gut gewachsen ein Österreicher und zwei Deutsche die gerade aus Nigeria kommen bereichern unsere abendliche Runde, die sich heute aber schon um einiges früher auflöst. Für morgen ist ein gemeinsames Abendessen geplant und jeder will sein bestes geben, in der großen Runde stellt jeder seine Spezialität vor. Max schlägt vor unser neues Matambre-Asado-Rezept zu präsentieren, das uns in Valle Fertil ganz besonders lecker gelungen ist. Er schwärmt den anderen in großen Zügen das deliziöse Gericht vor, zeigt Bilder und steckt so alle mit der Lust auf einen Asado an. Die anderen bereiten ein Brathühnchen vor, Salate und Nachtisch stehen auch auf dem Programm, ein richtiges Festessen steht uns Zehn bevor. Aber der nächste Tag wird ähnlich wie der gestrige für unsere Arbeit genutzt und Unmengen an Rohmaterial verwertet. Froh eine große Menge geschafft zu haben fangen wir gegen Abend an den Schmaus vorzubereiten. Bea düst mit ihrem Motorrad noch kurz in die Stadt und macht die letzten Besorgungen, während die anderen sich darum kümmern unsere Kühltruhen zu bestücken.
Langsam dreht sich das Hähnchen unter leichtem rattern des afrikanischen Drehspieß, auf dem anderen Grill zieht langsam aber sicher die Kohle für das Matambre durch. Während wir uns das zarte Drillhähnchen schmecken lassen grillt das gigantische Stück Matambre auf dem Grill, Max streicht es mit Tomatensoße ein und verteilt den cremigen Käse über dem Fleisch. Doch leider müssen wir einmal mehr die Erfahrung machen, das auch in Argentinien Rindfleisch nicht mehr überall das ist was es einmal war. Als wir 2011 in Argentinien waren, bekamen wir noch überall bestes Fleisch, heute muss man jedoch wissen wo. Leider wussten wir es dieses Mal nicht und das letztes Mal noch so zarte leckere Fleisch ist heute leicht zäh und trocken. Nichts desto trotz schmeckt es allen, alleine Max ist sichtlich enttäuscht, hat er sich doch das gleiche Ergebnis wie vor einer Woche gewünscht. Nach dem Festmahl hält die gute Stimmung noch lange an, wir sitzen zusammen und genießen die frische Abendluft beim Erzählen unserer Erlebnisse.
Am nächsten morgen geht es früh aus dem Bett, denn wir wollen weiter gen Norden reisen. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns noch bei allen und unterhalten uns noch eine gute Weile mit Johannes, einem Panamericanerreisenden, der von Norden kommt, über die Straßen und Länderverhältnisse in Bolivien und Peru, unseren nächsten großen Zielen.
Wir nehmen wieder Fahrt auf die Ruta 40, die Schotterpiste führt uns heute nach Cachi, denn der Weg nach San Antonio de los Cobres ist an einem Tag zu viel. Die Straße ist schlecht, die Landschaft umso schöner, keinen Kilometer bereuen wir diese Strecke gewählt zu haben. Cachi ist klein und hat außer der Landschaft nicht viel zu bieten, wir nutzen die Touristeninformation und Polizei um uns über den Zustand des weiteren Streckenverlauf zu informieren. Mit dem Ergebnis, dass die Strecke eigentlich nur für Allradfahrzeuge zu empfehlen ist und Lola angeblich zu tief. Aber wir spielen auf die gute Übersetzung und wollen das Risiko eingehen umdrehen zu müssen falls es nicht mehr geht. Zur Sicherheit sollen wir die Polizei informieren, damit sie uns im Notfall zurück holen kann, sollte auf dem Weg etwas passieren.
Wir wissen wir müssen früh los und sind auch um neun Uhr schon wieder auf Achse, das frühe Aufstehen hat sich gelohnt, langsam quälen wir uns Meter um Meter die knapp 150 Kilometer voran. Die enge Straße ist gerade für uns ausreichend, zur Sicherheit müssen wir in jeder Kurve hupen um eventuelle entgegenkommende Fahrzeuge zu warnen. Aber bis auf zwei oder drei Autos treffen wir keine Menschenseele. Die Luft wird knapper und der Motor heißer, nach einigen Kilometern decken wir den Motor ab. Laut rattern die vier Zylinder in der Fahrkabine neben unseren Füßen, Musik können wir uns sparen. Zusätzlich lassen wir die Heizung laufen damit die gesamte Hitze vom Motor abgegeben werden kann, damit wir die Temperaturen im Auto aushalten können müssen wir die Fenster offen lassen. Der Staub der Straße weht uns ins Gesicht, immer mehr Sand sammelt sich auf der Küchenzeile, aus dem Waschbecken wird ein Sandkasten. Immer wieder kreuzt ein Fluss die Straße, Wasser spritzt uns durch den offenen Motor an die Beine. Immer weiter in den Bergen wird die Straße sandiger, kurz vor einer Baustelle fahren wir uns fest auf rund 4.000 Höhenmetern. Laut heult der Motor während die Hinterachse im tiefen Sand durchdreht. Langsam und vorsichtig lassen wir Lola zurück rollen, durch die hohe Steigung ist das zum Glück kein Problem so das wir auf dem etwas festeren Sand wieder Halt bekommen und durch den Sand den Berg hinauf driften können. Geschafft denken wir uns als wir nach Stundenlangerfahrt bei 10 bis maximal 30 Kilometern pro Stunde den Gipfel auf 4.895 Metern über Meereshöhe erreicht haben. IMG_1310Außer Atem merken wir das uns die Höhe langsam zu schaffen macht, ein leicht betrunkenes Gefühl verdreht uns den Kopf, das langsam abnimmt als wir wieder ein Stück die Berge hinunter kurven. San Antonio de los Cobres, die kleine Minenstadt, ist mittlerweile touristisch geprägt, denn der „Tren de los Nubes“ (Wolkenzug) macht hier regelmäßig halt. Trotzdem merken wir immer mehr in den Norden zu kommen, in der Touristeninformation ist eine große Leinwand aufgebaut, vor der circa 50 Frauen konzentriert versuchen das Strickmuster, welches auf die Leinwand produziert wird, nach zu stricken. Der Mitarbeiter gibt sich große Mühe uns alle Informationen zu geben, Stellplätze und Hostels in die unübersichtliche Karte einzuzeichnen und über den kommenden Grenzpass zu informieren. „Im Supermarkt gibt es alles, sogar Brot“, erklärt er uns und betont dabei die rege Auswahl über die wir nur schmunzeln können.
Bevor wir am nächsten morgen weiter fahren decken wir uns noch mit all den Lebensmitteln ein die wir bekommen können. Denn San Pedro de Atacama soll teuer sein und darüber hinaus müssen wir unsere letzten argentinischen Pesos loswerden, es ist unser letzter Tag in Argentinien auf dieser Reise.

One comment

  • Dieses Mal ganz in meinem eigenen Namen: ein toller Bericht, der zum Träumen einlädt! Genießt diese unglaublich reiche Zeit und nehmt jeden einzelnen dieser großartigen Momenten für immer in euch auf :)

Kommentar verfassen